Erzählt und geschrieben von Murat Dirican (ehemaliger NIFA plus-Berater der AGDW in Stuttgart):
Bahara war gerade einmal zehn Jahre alt, als sie mit ihren beiden Eltern und fünf weiteren Geschwistern nach Deutschland eingereist ist. In Afghanistan war ihr Vater zwischen März 2010 und September 2013 für die Bundesrepublik Deutschland als Ortskraft tätig. Nach dem Abzug der Einheit aus Kunduz wurde der Familie im Rahmen des Bundesaufnahmeprogramms für Ortskräfte die Möglichkeit eines Aufenthalts nach § 22 AufenthG in Deutschland eingeräumt – aufgrund „der jetzt festgestellten Gefährdung ihrer Person […]“, wie es im Aufhebungsvertrag der Einsatzverwaltungsstelle ISAF heißt.
Bahara, die in Afghanistan drei Jahre eine Schule besuchen konnte, kam nach Stuttgart und wurde in die Vorbereitungsklasse der Hohensteinschule eingeschult. Vorbereitungsklassen (oft als "VKL" abgekürzt) sind spezielle Klassen in Deutschland, die sich an neu zugewanderte Kinder und Jugendliche richten, die noch nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen, um am Regelunterricht teilzunehmen. Ihr Ziel ist es, die Schülerinnen und Schüler sprachlich und kulturell auf den Übergang in die regulären Klassen vorzubereiten.
Nach einem Jahr in der VKL der Hohensteinschule wechselte Bahara auf die Werkrealschule Bismarckschule, wo sie im Juli 2018 ihren Hauptschulabschluss erreichte. Sie strebte die mittlere Reife an, doch aufgrund ihres schlechten Zeugnisses – vor allem ihrer schlechten Noten in den Hauptfächern – gab es keine Möglichkeit, den Realschulabschluss an der Bismarckschule zu absolvieren. Da Bahara weiterhin den Wunsch äußerte, die mittlere Reife zu erwerben, wurde ihr von ihren Lehrkräften die zweijährige Berufsfachschule an der Alexander-Fleming-Schule für Gesundheit und Pflege nahegelegt. Diese brach sie nach einem halben Jahr ab, ebenso wie eine Maßnahme des Jobcenters (Joblinge), die bereits nach einem Tag beendet wurde.
Tief enttäuscht und mit der Aussage konfrontiert, dass eine mittlere Reife nicht mehr möglich sei, da sie die berufliche Schule abgebrochen hatte, wandte sich Bahara an ihren Sozialarbeiter in der Gemeinschaftsunterkunft der AGDW. Dieser vermittelte sie schließlich an das Projekt NIFA plus.
Trotz ihrer vorhandenen Ausbildungsreife, Sprachkenntnisse und Abschlusszeugnisse, die eine Ausbildung ermöglicht hätten, hielt Bahara unbeirrt an ihrem Wunsch fest, die mittlere Reife zu erlangen. Gemeinsam mit dem NIFA-plus-Berater wurde beschlossen, einen unkonventionellen Weg zu gehen und alle Schulen im Raum Stuttgart – berufliche und nicht berufliche Schulen –, die eine mittlere Reife als Abschluss anbieten, direkt anzuschreiben und nach einem freien Schulplatz zu fragen. Nach gemeinsamer Erstellung von Bewerbungsunterlagen (Hauptschulabschlusszeugnis, Lebenslauf, Motivationsschreiben) wurden schließlich im Raum Stuttgart über 60 Schulen kontaktiert. Obwohl die Erfolgsaussichten gering waren, meldete sich die Werkrealschule Gablenberg mit einem Terminvorschlag für ein Vorstellungsgespräch.
Gemeinsam mit dem NIFA-plus-Berater nahm Bahara diesen Termin wahr und wurde in die 10. Klasse der Werkrealschule Gablenberg aufgenommen. Dank dieser neuen Möglichkeit, Baharas Motivation und Fleiß sowie der Chance, die ihr durch den Schulleiter und die Lehrkräfte der Gablenbergschule gegeben wurde, erhielt sie im Sommer 2024 den Realschulabschluss – mit Belobigung. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.